Klagelieder

Im Altenburger Land habe ich gelernt, daß die Bauern, denen es am besten geht, am meisten klagen. Ich habe es nicht nachgeprüft, aber mir fiel es ein, als ich die Klagelieder im 1. Testament (Altes Testament) gelesen habe.

Klagen und Triumphieren, wie konnten das die Alten! Nicht nur in der Bibel, sondern auch in den Kulturen ringsherum. Am meisten ist mir das aufgefallen im Kampf um Troja, wie es die Hellenen beschreiben: das Elend und den Sieg.

Und wir?

Klagen?

Jubeln?

Außer sich sein.

In Klagelieder 3 lesen wir: „…du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir‘ s.“

So betet der Kläger, der von sich sagt: „Ich bin der Mann, der Elend sehen muß durch die Rute des Grimmes Gottes. Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht in‘ s Licht… Er hat seine Hand gewendet gegen mich…“

„Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränket bin.“

Hier beschreibt jemand seine Situation, die ausweglos scheint: ein verlorener Krieg, Landsleute, die ihn verspottet haben, weil sie nicht die Wahrheit hören wollten.

Zion, Jerusalem ist verloren in den Wirren in der Mitte des 1. vorchristlichen Jahrtausends. Aber nicht nur das Kollektiv, sondern auch der Einzelne schreit wie viele Steine, wenn sie fallen und geschleift werden: das Heiligtum Gottes zerstört, der Tempel der Gemeinde.

Schlimmer gehts nimmer.

Aber etwas in ihm sagt es: „Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt es mir. Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch: Die Güte des Herrn ist es, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“

Mehr noch:“ Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen.“

Die Bestandaufnahme ist furchtbar, alles kaputt. Der Prophet im Gefängnis, während draussen die Schlacht tobt, wie vorausgesagt. Er ist dafür gefangen gehalten.

Ja, ja, er hat auch gesagt: „Was murren denn die Leute im Leben? Ein jeder murre wider seine Sünde.“

Sein Trost ist dahin, das Heiligtum geschändet, die Schlacht verloren.

Dann springt die REFLEXION um und wird da, wo es keinen Zweck mehr hat, das, was es nur noch werden kann: GEBET. Nicht mehr über Gott wird gesprochen und auch nicht mehr über den Menschen, nicht einmal mehr über Gut und Böse, sondern der Leidende spricht mit seinem Herrn …wieder. Der Funke ist noch nicht ausgetreten. Er findet zum DU zurück.

Er erinnert sich.

Erinnerung ist Erlösung.

Wie viele Menschen in der Christentumsgeschichte haben sich mit diesem Klagelied, das ein Hoffnungslied geworden ist, identifiziert? Sind damit getröstet worden und haben getröstet. Ihre Nächsten, ihre Nachbarn, ihre Freunde auf der Flucht, in den Kriegen.

Wenn alles ausweglos schien. „Ich bin der Mann…“ Das kann jeder sein. Jede.

Das kann ein ganzes Volk sein.

Er erinnert sich, vielleicht an seine Mutter, die ihn gelehrt hat zu beten, an seinen Vater, der ihn gelehrt hat, was die Gebote Gottes bedeuten, an seinen Pfarrer, seine Pfarrerin, seinen Lehrer, seine Lehrerin, die ihnen gezeigt haben, wie stark gute Gemeinschaft sein muss und kann, wie wichtig – und mit Sicherheit erinnert er sich an seinen Auftrag, den er empfangen hat von Gott schon vor seiner Geburt.

Trost bedeutet, sich erinnern auch an die Potenz des Widerstandes. Gebet ist auch Kampfgebet. Dann wissen wir auch wie gegenwärtig diese Klagelieder eines Gottesknechtes sind.

Und zum Schluss.

Wir lesen auch: „Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.“ Fragen wir nach Gott in dieser Pandemie-Zeit. Oder waren wir dazu zu sicher eingebettet in unsere Versicherungen und Absicherungen, daß wir es nur zu einem technischen Verständnis bringen konnten ohne die Transparenz des Friedens, die höher ist als alle Vernunft. Kam es uns deshalb so trostlos vor. Das Ganze.

Und konnten weder kämpfen noch trösten?

Gott-los – ist das nicht trostlos?

Mich bewegen diese Fragen an Hand der Klagelieder in diesem alten Buch. Sie auch?

„Und der Herr segne und bewahre unsere Herzen und Sinnen, daß wir den Mut nicht verlieren.“ AMEN.

Veröffentlicht von famwohlfarthtonlinede

Jahrgang 44 Lieblingsbeschäftigung:Schreiben und Predigen.Sehnsuchtsort Ostsee. Wohnort Berlin, Heimat Thüringen. Wenn Du mir schreiben willst, bitte über michael.wohlfarth@t-online.de; https://kaparkona.blog; michael-wohlfarth.jimdo.com; michaelwohlfarth.wordpress.com

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